Versteckte Armut – „Hilfe, es ist so viel Monat am Ende des Geldes.“ Podiumsdiskussion im ev. Gemeindehaus in Bonlanden, organisiert vom Förderverein für Diakonie und Krankenpflege Bonlanden e.V.

Betroffen sind alle Altersgruppen, von 18 bis 82 Jahren im hiesigen Raum,  auf den Fildern sind 32000 Personen überschuldet.
Gründe für Armut liegen oft in den Big Five: Arbeitslosigkeit / Niedriges Einkommen / Scheidung, Trennung, Tod des Partners / Krankheit / gescheiterte Selbstständigkeit.

Armutsbekämpfung ist eine staatliche Aufgabe. Arme Menschen sind keine Bittsteller. Wichtige Themenbereiche sind: Menschenwürde / (existenzielle) Ängste / Gerechtigkeit / Was ist Armut? Definition / Zielgenauigkeit der Maßnahmen / Bildung / gesellschaftliche Teilhabe / Einsamkeit (In Bonlanden gibt es ganze Straßenzüge, die „vereinsamen“.) Diakonie versucht zu lindern durch Diakonieläden, Tafeln und Vesperkirchen.

Diskussionsteilnehmer: (im Bild von links)  Dr. Martin Rosemann,  SPD Bundestagsabgeordneter / Michael Hennrich, CDU Bundestagsabgeordneter / Daniela Hihn, Diakonisches Werk Württemberg / Sonja Pross, Schuldnerberatung Filderstadt. Bildmitte: Moderator Pfarrer Andreas Arnold.

Die vier Gesprächsteilnehmer/innen ziehen jeweils ein Thema, das sie in zwei Minuten erläutern und die anderen dann in jeweils 1 Minute ergänzen dürfen.

1 Bezahlbarer Wohnraum – Rosemann: In Ballungsräumen ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Sozialer Wohnungsbau wurde in den letzten 20 Jahren stark vernachlässigt. Wohnungsmarkt ist Daseinsvorsorge, kann man nicht nur dem freien Markt überlassen. / Hennrich: Für breites Angebot sorgen, Wohngeld erhöhen. / Hihn: Brauchen mehr soziale Wohnungen. / Pross: Brauchen angemessene Mieten. Schuldner steht in der Schufa, hat schlechte Karten auf dem Mietmarkt.

2 Pflege, die man sich leisten kann – Hennrich: Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung. System neu strukturieren. / Rosemann: Eigenanteil deckeln. Für die Pflege im eigentlichen Sinne Vollkaskoversicherung. / Hihn: Diakonie bietet viele ambulante und stationäre Pflegeplätze / Arbeitsverdichtung des Pflegepersonals ändern. / Pross: Pflegepersonal besser bezahlen.

3. Prekäre Arbeitsverhältnisse – Hihn: Viele unsichere Arbeitsplätze, sehr hoher Niedriglohnsektor in Deutschland, 5,7 Mill. Menschen leben in Deutschland von Arbeitslosengeld II, davon arbeitet 1 Million und muss aufstocken. Stabile Lebensplanung  ist nicht möglich. / Pross: Ohne Arbeit bricht die Lebensgrundlage des Menschen. / Hennrich: Man muss vom Einkommen leben können / gesetzlicher Mindestlohn. / Rosemann: Mindestlohn in ausreichender Höhe,, Kindergrundsicherung, Mitzuschuss, gerechte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Gerechte Bildungschancen für alle.

4. Altersarmut – Pross: Trifft vor allem Frauen. Was ist Lebensleistung? Lebensleistung wird nur am Verdienst bemessen. / Hihn: Arme sterben 10 Jahre früher als Reiche. Oft Arbeit ohne betriebliche Altersvorsorge. Arme können privat nicht vorsorgen. / Hennrich: Versteckte Armut viel höher, da viele ihre Rechte nicht kennen und sie aus Scham auch nicht in Anspruch nehmen. / Rosemann: Renten können nicht alle Unterschiede im Erwerbsleben korrigieren. Bessere Bezahlung beugt Altersarmut vor. Rechtzeitig die richtigen Weichen stellen gegen Altersarmut durch arbeitspolitische Maßnahmen.

Bei der Komplexität des Themas wurde den zahlreichen Zuhörer*innen schnell bewusst, dass dieser Abend keine allgemeingültigen Antworten geben kann, aber verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt hat, an welchen Stellschrauben die Politik drehen könnte.

Hedy G. Barth-Rößler. Stv. Vors. Stadtverband Freie Wähler Filderstadt e.V.


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