Blick aus dem Führerhaus – Testfahrt mit ETCS-Technik S-Bahn Stuttgart

Am späten Abend geht es mit dem auf ETCS-Technik umgerüsteten Fahrzeug der S-Bahn Stuttgart vom Stellwerk Plochingen aus auf die Schnellstrecke nach Ulm. Die Mitglieder des Verkehrsausschuss der Region Stuttgart sind zur Testfahrt eingeladen. ETCS bedeutet europäisches Zugbeeinflussungssystem (European Train Control System). Diese Technik bietet die Grundlage für automatisiertes Fahren.
Ich stehe hinter dem Zugführer ganz vorne in der S-Bahn und bin sicherlich aufgeregter als der Zugführer. Die kleinen gelben Balisen, ungefähr groß wie ein Buch, sind zwischen den beiden Schienen vom Gleis in regelmäßigen Abständen auf der Zugstrecke installiert. Per Funk geben sie die Streckendaten an den Zug weiter. Das System kennt die Strecke genau.
Der Zugführer (mit meinem neugierigen Blick im Nacken) erhält auf seinem Display die Angaben und hat so einen Blick 32 km im Voraus auf die Strecke. Diese neue Technik soll, so Alexander Lahl, Chef des Verbandes Region Stuttgart, „die S-Bahn in der Region Stuttgart leistungsfähiger und zuverlässiger machen“. Der Verband ist Aufgabenträger der S-Bahn Stuttgart. Wir erleben gerade die neue Zukunft des Schienenverkehrs. Matthias Glaub, Chef der S-Bahn, spricht von einem „Meilenstein für den digitalen Bahnbetrieb im Netz der S-Bahn Stuttgart“.
215 Fahrzeuge im Bestand der S-Bahn Stuttgart müssen umgerüstet werden. Bislang sind rund 80 Fahrzeuge neu ausgestattet. Die Kosten liegen bei rund 200 Millionen, von denen der Verband Region Stuttgart 144 zusteuert. 440 Lokführer müssen auf die neue Technik geschult werden. Der Prozess dieser Digitalisierung ist ein mehr als herausforderndes Projekt, das – wenn es dann mal läuft und auf den Weg gebracht ist – in Europa Leuchtturmcharakter haben wird. Um so frustrierender ist es für den Verkehrsausschuss der Region mitzuerleben, wie holprig das Projekt auf die Schiene gebracht wird.
Die Nachricht von der voraussichtlichen teilweise Inbetriebnahme von Stuttgart 21 im Jahr 2029 stimmt mehr als missmutig und beinahe fassungslos. ETCS ist die Schlüsseltechnik für den Digitalen Knoten Stuttgart (DKS) in seinen drei Stufen. Die dritte wurde gerade mal im letzten Jahr überhaupt verfestigt. Diese ist bei der S-Bahn für das Stuttgarter Umland, also auch für Filderstadt (und irgendwann mal dann auch für Neuhausen) ausschlaggebend.
Nun mal über den Tellerrand oder die Region Stuttgart und ihr Schienennetz hinausgeschaut auf ein Langziel in Europa: ETCS soll europaweit eine Vereinheitlichung in den jetzigen 14 verschiedenen Zugbeeinflussungs- und Leitsystemen, die natürlich nicht kompatibel sind, bringen. Wir in der Region wären ja schon froh, wenn der Blick auf unseren Drehteller positiver gestimmt wäre. Wir bedanken uns für die Testfahrt und die Informationen.
Ich bedanke mich vor allem bei dem geduldigen Zugführer, dessen Genick wahrscheinlich froh war, als ich nach (sehr) geraumer Zeit das Führerhaus wieder verlassen habe und er nicht mehr unter Dauerbeobachtnug stand.
Text/Bilder: Hedy Barth-Rößler, Regionalrätin Freie Wähler Region Stuttgart (mit auf dem Bild: Andreas Hesky, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler)





