Prominenter Besuch in Filderstadt: Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (sitzend) hat die Veranstaltung des Referats für Bürgerbeteiligung und Chancengleichheit „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Kultur- und Kongresszentrum FILharmonie in Bernhausen durch einen Festvortrag bereichert. Ein Highlight des Abends: der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. (Bildquelle: Stadt Filderstadt)

Rita Süssmuth hielt die Festrede zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ in der anlassbezogenen Gemeinderatssitzung am 12. November 2018. Hedy G. Barth-Rößler, stv. Vorsitzende des Stadtverbandes der Freien Wähler Filderstadt und Mitglied im Frauenbeirat, stellte in der Gemeinderatssitzung das Gremium Frauenbeirat von Filderstadt vor. Hier können Sie den Redetext nachlesen:

 

Wichtiges Netzwerk zwischen Politik und Praxis
Ein Gremium der besonderen Art — Frauenbeirat Filderstadt

100 Jahre Frauenwahlrecht, 1949 Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz, erst ab 1963 durfte — ich betone durfte — eine Frau ein eigenes Bankkonto führen, erst nach 1977 konnte eine Frau ohne Erlaubnis ihres Mannes ihre Berufstätigkeit aufnehmen. Das ist alles noch gar nicht so lange her. . .

Filderstadt war eine der ersten Kommunen in Baden-Württemberg, die 1988 die Stelle für eine Frauenreferentin einrichtete. Dann formulierte sich der politische Wille ein Gremium zu bilden, das die Frauenbeauftragten unterstützen sollte. Das war die Geburtsstunde des Frauenbeirats.
Was ist das Besondere am Frauenbeirat? Das Gremium bietet eine einmalige Vernetzung von Frauen aus der Politik und Frauen aus der Praxis vor Ort, die mit Erfahrung und Sachkompetenz ihre Expertise aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen beisteuern. Gemeinsam wird nach sachorientierten, praktikablen Lösungsansätzen gesucht, die in eine Empfehlung münden, die die Stadträtinnen in ihre einzelnen Fraktionen einbringen. Findet diese Empfehlung Eingang in einen Antrag, muss sich der Gemeinderat mit diesem Thema auseinandersetzen und es erfolgt im positiven Fall eine politische Umsetzung. Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Süssmuth, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: „Ganz wichtig war immer mein fraktionsübergreifendes Netzwerk. Manches Mal, wenn ich dachte, wir schaffen etwas parlamentarisch nicht, habe ich mich auch mit Frauen aus anderen Branchen und Berufen zusammengeschlossen und Kräfte außerhalb des Parlaments mobilisiert. Bei jedem Thema ist es wichtig zu schauen: wer könnte jetzt wichtiger Partner sein? Nur so gelingt es, politische Mehrheiten zu finden.“ Genau diese erfolgversprechende Arbeitsweise bietet in Filderstadt das politische Gremium Frauenbeirat.

Die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist weiblich. Das spiegelt sich aber nicht in der politischen Teilhabe von Frauen auf Bundes-, Landes- oder vor allem Kommunalebene. Die Nationalversammlung hatte 1919 einen Frauenanteil von 9 Prozent. Die Frauenquote im 1. Bundestag 1949 lag bei 6,8 Prozent und ist im 18. Bundestag 2013 auf 36,5 Prozent angestiegen. Im aktuellen Bundestag sank die Frauenquote auf 30 %. (Nur zehn der 94 AFD Abgeordneten sind weiblich.)
Auf Kreis- und Kommunalebene liegt der Frauenanteil in den Parlamenten nur bei 25 Prozent.
Warum betreten Frauen nicht in Scharen das politische Parkett? Eine bundesweite Befragung von 2008 zum Thema Frauen in der Kommunalpolitik hat gezeigt, dass Frauen Bedenken haben sich politisch zu engagieren aus Skepsis vor den männerdominierten Strukturen in der Politik. Die Befragung zeigt eine vergleichsweise hohe Frustration über die strukturellen Rahmenbedingungen. Die Förderung des kommunalpolitischen Engagements von Frauen ist eine wichtige gleichstellungspolitische Aufgabe. Auch hier unterstützt der Frauenbeirat. In diesem Gremium können Frauen verschiedenster Gruppierungen gemeinsam mit den Stadträtinnen „politisches Parkett“ betreten und Erfahrungen sammeln. Das Gremium hat sich erfolgreich eingesetzt, dass die Vollzeit-Stelle der damaligen Frauenreferentin und inzwischen Gleichstellungsbeauftragten nicht auf 50 Prozent zurückgeschraubt wurde.

Was fehlt uns in der Politik? Wir haben seit 100 Jahren das Frauenwahlrecht, aber wir brauchen auch Kandidatinnen. Dazu brauchen wir Vorbilder. Inzwischen gibt es neben einer Bundeskanzlerin mehr Frauen auf Bundes- und Landesebene. In meiner Jugend waren die Vorbilder noch dünn gesät, sind mir dafür aber umso heftiger in Erinnerung geblieben, Namen wie Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Annemarie Renger (SPD) und für mich besonders wichtig, Sie liebe Frau Prof. Dr. Süssmuth. Sie haben das konservative Element ein bisschen mehr auf emanzipatorischen Trab gebracht. 25 Prozent Frauenanteil auf Kommunalebene — das ist nun wirklich ausbaufähig!! Es ist eine Chance und Aufgabe des Frauenbeirats, Frauen zu motivieren und zu unterstützen, in die Kommunalpolitik zu gehen. Nutzen wir doch gleich die Gelegenheit und rufen dazu auf: Liebe Bürgerinnen von Filderstadt, trauen sie sich auf das politische Parkett, kandidieren sie bei der kommenden Kommunalwahl, mit Politik kann man etwas gestalten und verändern. Also mitmachen, wählen gehen und sich zur Wahl stellen.

Ist ein Frauenbeirat in heutiger Zeit noch notwendig? Da mögen vielleicht auch einige unter Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, zweifeln. Wir vom Frauenbeirat äußern an dieser Stelle ein entschiedenes „Ja!“. In Zeiten von „gender mainstream“ gibt es weiterhin wichtige frauenrelevante Themen, für die wir uns — Männer und Frauen gleichermaßen — gleichwertig und gleichberechtigt sowie chancengleich stark machen und einsetzen. Wichtige genderrelevante Themen der Zukunft sind: Risiken, vor allem aber Chancen der Digitalisierung, noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Frauen in der Politik, mehr Frauen in Führungspositionen und Aufsichtsräten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit sowie Abbau von Diskriminierung und von häuslicher und sexueller Gewalt. Claudia Roth, ehemalige Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen gibt zu bedenken: „ Zunehmend stehen Gleichberechtigung und Errungenschaften der Emanzipation erneut zur Disposition. Wir Frauen sind wieder gefragt, uns lautstark für unsere Rechte zu engagieren. Das 100. Jubiläum zur Einführung des Frauenwahlrechts ist eine gute Gelegenheit, sich genau das wieder bewusst zu machen.“

Wir sind auf der Zielgeraden, aber noch nicht im Ziel. Manchmal droht die Zielgerade sogar wieder aus dem Gesichtsfeld zu verschwinden. In Zeiten eines Donald Trumps, dessen verächtliches Frauenbild die gesellschaftliche Stellung der Frau aushöhlt, in Zeiten rechtsgerichteter Populisten, die die Frauen wieder aus der Gesellschaft, aus dem öffentlichen Raum zurückdrängen wollen, droht die Zielgerade in neu aufwallendem diskriminierenden Nebel zu versinken — auch das ist eine Gender-Debatte. Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung fordert: „100 Jahre nach der Durchsetzung des Frauenwahlrechts ist all das ein guter Grund dafür, heute mehr denn je wachsam zu sein und das Erbe der Suffragetten bewusst und mutig nicht nur zu verteidigen, sondern fortzuführen.“ In Zeiten von facebook-selfies, Instagramm Bilder-Serien, sozialer Kommunikation im sms-Stil und politischer Twitter-Diskussion in 120 Buchstaben verliert der vertiefende Blick auf frauenrelevante Themen in Politik und Gesellschaft leicht an Schärfe. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gibt zu bedenken: „Junge Frauen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Gleichberechtigung und Gender-Politik fest verankert sind. Die Erfolge der Feminismus-Bewegung in einem Frauendiskriminierenden Umfeld sind Geschichte und nicht präsent. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass nichts selbstverständlich ist, was die Stellung der Frauen heute betrifft.“

Zum Abschluss möchten wir vom Frauenbeirat mit einem Zitat von Edeltraud Herrmann, eine der ersten Frauenreferentinnen von Baden-Württemberg, und der ersten von Filderstadt an alle appellieren: „Um das Erreichte zu bewahren und weiterzuentwickeln, braucht es Frauen und Männer, die sich für die Geschlechtergerechtigkeit in politischen Entscheidungsprozessen einsetzen. Eine aufgeklärte, moderne, offene Gesellschaft kann es sich nicht leisten, hinter das Erreichte zurückzufallen.“ Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Sie sehen also, es gibt immer noch viel zu tun — auch für den Frauenbeirat in Filderstadt und die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Suzanne Omran.

Bildquelle: Stadt Filderstadt


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